Vor der Geburt

Bevor ich zum ersten Mal Mutter wurde, habe ich mir nur wenige Gedanken über das Stillen gemacht. Irgendwie war einfach immer klar, dass ich ggf. stillen würde, bekäme ich einmal ein Kind. Irgendwann begegnete ich dem Phänomen „Langzeitstillen“ und sah nahezu gleichzeitig den Film Stillen bis der Schulbus kommt. Ich erinnerte mich an ein Psychologie-Seminar in dem uns ein kauziger Dozent etwas von orgasmusartigen Gefühlen beim Stillen erzählte … das ganze Thema war mir suspekt, hatte mit mir aber auch wenig zu tun. Diese langzeitstillenden Mütter waren für mich Alternative, rastazöpfetragende, fremde Wesen und nichts davon traf auf mich zu. Ich würde stillen bis das Baby 6 Monate alt wäre und dann … ja, was käme eigentlich dann?

Nach der Geburt

Dann war sie da, meine Tochter. Der Still-Start war holprig, gelang dank einer erfahrenen Stillberaterin aber trotz Milchstaus und Saugverwirrung. Mit 4 Monaten begann meine Tochter begeistert Brei zu verputzen, an ein Abstillen war aber vorerst nicht zu denken. Sie genoss es und mich störte es nicht. Nein, tatsächlich war ich stolz, mein Kind autark ernähren zu können. Und es gab etliche Situationen in denen ich froh war, alles erforderliche „am Mann“ zu haben; in ausreichender Menge, angenehmer Temperatur und immer in der bevorzugten Geschmacksrichtung. Und so geriet der Gedanke ans Abstillen völlig in den Hintergrund und kam nur dann immer mal wieder zum Vorschein, wenn andere überrascht fragten, ob ich denn „immernoch“ stillen würde. Irgendwann thematisierte ich es von mir aus gar nicht mehr, wenn es nicht unbedingt sein musste. Unbedingt sein musste es aber vorallem immer dann, wenn medizinische Probleme auftraten. So kam ich einmal mit der Feuerwehr in die hiesige Notaufnahme, als mein Hausarzt eine schmerzhafte aber schnöde Angina mit Diphterie verwechselte. Dieser Verdacht überforderte vor Ort ohnehin die diensthabenden Ärzte, aber dann damit konfrontiert zu werden, dass die ohnehin schwierige Behandlung oder gar Heilung Rücksicht auf Stillkompatibilität nehmen sollte, schien das Fass zum Überlaufen bringen zu wollen. Natürlich wurde hinterfragt, wie alt das Stillkind denn sei und als ich wahrheitsgemäß antwortete „anderthalb Jahre“, zweifelte man offenbar kurz meinen Geisteszustand an.

Vorsichtiges Abstillen

Als meine Tochter 2 Jahre alt war, stillte ich sie nachts nach Gordon ab, da der gestörte Nachtschlaf doch immer mehr meinen Allgemeinzustand negativ beeinflusste. Ich erklärte ihr, dass die Brust nachts auch müde ist und schlafen müsse und sie verstand und akzeptierte es erstaunlich gut. Tagsüber stillte ich sie weiter nach Bedarf, wobei ich seit ihrem ersten Geburtstag wieder arbeitete und sie in Fremdbetreuung war. Der Plan war, dass sie entscheidet, wann Schluss ist.

Erneute Schwangerschaft

Als ich wieder schwanger wurde, war sie 3 Jahre alt und ich bereitete sie langsam darauf vor, dass die Milch bald wegbleiben könne. Bis auf wenige Tage Pause stillte ich sie aber auch die komplette Schwangerschaft hindurch, wobei ich glaube, dass die Milch tatsächlich irgendwann wegblieb (meine Tochter bestreitet es bis heute). Als mein Sohn dann auf der Welt war, erschien mir der Anblick meiner stillenden Tochter zunehmend suspekt und ich bat sie, dass wir bald ein Ende finden. Eine knifflige Situation, wenn man nicht möchte, dass das große Kind sich durch den Nachwuchs entthront fühlt! Ich erklärte ihr, dass ich mich unwohl fühlte, aber sie hing wortwörtlich noch sehr an meiner Brust. Irgendwann erklärte sie meinem Mann, dass sie nun nicht mehr stillen würde, weil Mama es nicht mehr will. Das brach mir wirklich fast das Herz! Einige Wochen stillte sie dann tatsächlich gar nicht mehr, aber irgendwann war die Sehnsucht scheinbar zu groß und sie fragte, ob sie doch nochmal dürfe. Und sie durfte. Mittlerweile handhaben wir es also so, dass sie quasi wieder nach Bedarf gestillt wird, sie diesen Bedarf aber nur sehr selten äußert. Mit dieser Variante können wir alle sehr gut leben.

Mein Fazit

Ich trage nach wie vor weder einen selbst gefilzten BH, noch Rastas. Ich habe in der Zwischenzeit viele Mütter kennengelernt, die völlig selbstverständlich 6 Monate, ein Jahr oder länger stillen/gestillt haben und keine von denen entspricht meiner früheren Definition und keine von ihnen hatte je explizit vor, soundso lange zu stillen. Meine Tochter ist mittlerweile eine sehr selbstbewusste und selbstsichere 4-jährige, ohne Mama-Komplex o.ä. Mein Sohn zieht meine Brust jedem Brei vor und ist von Untergewicht oder Eisenmangel so weit entfernt wie sonst wer …

Für uns ist langes Stillen der derzeit richtige Weg und wir werden es wieder so lange tun, wie es sich für uns richtig anfühlt. Ebenso verhält es sich mit dem öffentlichen Stillen. Ich konzentriere mich schon lange nicht mehr auf die Blicke der anderen Menschen. Ich stille mein Kind und fertig.

Statistisches

Wer noch etwas wissenschaftlichen oder statistischen Input braucht, dem empfehle ich diesen Beitrag der AFS zum Thema „biologisch sinnvolles Abstillalter“.

 

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Ein Gedanke zu “… und ewig stillt das Muttertier

  1. Ich finde es großartig, wie du deine Gefühle bzw. auch deinen Gefühlswandel zu diesem Thema in Worte gefasst hast. Schön, dass ihr einen Weg gefunden habt, mit dem ihr alle glücklich seid. Dass du das deiner Tochter ermöglichst ist einfach wunderbar und sie wird davon ihr Leben lang profitieren, da bin ich mir ganz ganz sicher.

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