Nachdem im März 2017 meine Elternzeit endete, habe ich mich beruflich etwas verändert. Ich bin Diplom Pädagogin und hatte bisher als Familienhelferin bei der AWO gearbeitet. Aus verschiedenen Gründen führte mein Weg nicht an den alten Platz zurück und so kam ich als Erwachsenenberaterin in die Interventionsstelle. Schweres Wort, meist ohne konkrete Assoziationen zu wecken. Wir beraten Betroffene von häuslicher Gewalt (und Stalking)!

  • Was ist häusliche Gewalt und wen beraten wir?

Häusliche Gewalt umfasst körperliche, sexualisierte, emotionale, soziale und ökonomische Gewalt von Personen, die in einem engen Angehörigenverhältnis (Ehe, Partnerschaft nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz, nichteheliche Lebensgemeinschaft, homosexuelle Partnerschaft oder Lebensgemeinschaft von Personen, welche ein soziales System bilden) stehen. Diese Beziehungen können aktuell bestehen, sich aber auch in Trennung oder Auflösung befinden oder bereits beendet sein.

Gewalt fängt dort an, wo die Macht des Stärkeren ausgenutzt wird, wo Angst und Hilflosigkeit durch Beleidigungen, Demütigungen, Drohungen, Schläge oder ständige Kontrolle verbreitet wird. Sie fängt dort an, wo körperliche, mentale oder strukturelle Überlegenheit dazu genutzt wird, eigene Interessen mit Zwang und gegen Ihren Willen durchzusetzen.

Wir beraten Volljährige und Minderjährige, sofern ihr (Ex-)Partner ihnenggü. gewalttätig wurde. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Herkunft, welchen Geschlechts oder welchen Alters die/der Betroffene angehört, ob die beiden verheiratet sind/waren oder nicht und ob sie zusammen wohn(t)en oder nicht.

  • Wann beraten wir?

Generell beraten wir alle Betroffenen, die sich als sogenannte SelbstmelderInnen an uns wenden. Außerdem ist in Mecklenburg-Vorpommern die Polizei verpflichtet, uns zu informieren, wenn sie von einem Fall von häuslicher Gewalt Kenntnis erlangen. Dies geschieht auch ggf. gegen den Willen der/des Betroffenen. Denn oft leben Betroffene in Angst und Schrecken und haben zum Teil nicht die Kenntnis von unserer Beratungsstelle oder haben andere Dinge um die Ohren oder sie verspüren Angst und/oder Scham. Aber dazu später mehr.

Aktuell beraten wir nach Terminvereinbarung, d. h. entweder kontaktiert uns die/der Betroffene als Selbstmelder und wir beraten am Telefon oder vereinbaren einen zeitnahen persönlichen Beratungstermin oder wir bekommen von der Polizei bescheid und nehmen von uns aus Kontakt auf. In der Regel geschieht dies telefonisch. Sofern das nicht möglich ist, versenden wir ein sogenanntes schriftliches Hilfsangebot mit oder ohne Terminvorschlag. In ganz seltenen Fällen gehen/fahren wir einfach vorbei. So oder so ist es am ehesten erfolgversprechend, wenn die Beratung zeitlich nah am Geschehen liegt, denn dann ist die Bereitschaft zur Veränderung oft am Größten.

  • Wo beraten wir?

Wir beraten manchmal am Telefon, wobei dann wichtig ist, dass der/die Betroffene Zeit und Ruhe hat, sich auf das Gespräch einzulassen. Mit quengligen Kindern im Hintergrund oder gar in der Öffentlichkeit gelingt das selten. Deshalb bevorzugen wir das persönliche Beratungsgespräch und das kann bei uns in den Beratungsräumen stattfinden oder an jedem anderen Ort, auch bei den Betroffenen zu Hause, im Krankenhaus etc. Da wir ein recht großes Einzugsgebiet haben, ist es deshalb schwer, allen immer einen zeitnahen Termin anzubieten. 150 km Nord-Süd-Ausdehnung wollen eben auch erstmal zurückgelegt sein.

Wichtig für die Beratungssituation ist aber, dass der Gewaltanwender nicht zugegen ist. Zum einen für unseren eigenen Schutz und auch für den Erfolg des Gespräches selbst, denn meist nutzen die Täter diese Bühne um sich zu erklären, zu rechtfertigen und zu produzieren. Der Nutzen für die Betroffenen ist damit meist hinfällig. Abgesehen davon beraten wir opferparteilich und das verkraften die Täter meist nicht so gut.

  • Warum beraten wir?

Weil jeder Mensch seine Rechte und Möglichkeiten kennen sollte. Niemand ist verpflichtet, Gewalt zu erdulden. Und da fast jede Rolle in einer Gewaltbeziehung ein erlerntes Verhaltensmuster darstellt, ist die Beratung von betroffenen Müttern und Vätern auch gleichzeitig Präventionsarbeit, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein gewalterfahrenes Kind später ebenfalls zum/zur Betroffenen oder Täter/in wird, ist groß!

  • Wie beraten wir?

Wir beraten meist im Tandem, da der/die Betroffene dann meist die Wahl hat, bei wem er sympathisierend „andockt“. Außerdem kann so einer immer still mitdenken, während der andere die Gesprächsführung übernimmt. Bei Beratungen vor Ort kommt ein zusätzlicher Sicherheitsaspekt hinzu, denn trotz vorheriger Hinweise, kommt es immer mal wieder zu unerwünschten Täterkontakten.

Dann beraten wir opferparteilich, aber neutral. Das heißt, dass wir uns auf die Situation der/des Betroffenen konzentrieren und gemeinsam schauen, wo steht er/sie und wo soll’s hingehen bzw. was sind die individuellen Besonderheiten des „Falls“. Unsere Beratung beinhaltet aber nie den Rat, dass man sich trennen soll. Meist ist dies der erste Tipp der aus dem privaten Umfeld kommt und die Betroffenen meist in eine Verteidigungshaltung dem Täter ggü. bringt. Jede/r muss die Beziehung führen, die er führen möchte. Und alles hat seine Zeit. Wer sich heute noch nicht trennt, trennt sich vielleicht morgen, nächste Woche oder nie. Jeder ist seines Glückes Schmied und niemand lässt sich gern in seine Beziehung reinreden. Außerdem hat so jede/r Betroffene die Chance, bei einem mißglückten 2. Versuch schamlos wiederkommen zu können und wird von uns nie ein „hab‘ ich doch gleich gesagt!“ hören.

Sofern erforderlich, ziehen wir auch Dolmetscher hinzu, begleiten zu rechtsmedizinischen Untersuchungen und Zeugenaussagen oder zu Terminen im Jugendamt. Immer mit Blick auf die jeweiligen Erfordernisse.

Generell halten wir auch eine Kinder- und Jugendberatung vor, die mit den Eltern erarbeitet, wie betroffen das/die Kind/er von der erlebten Situation war/en oder dies pädagogisch mit dem/den Kind/ern bearbeitet. Leider ist diese Stelle aktuell nicht besetzt bzw. ausgeschrieben. Der Bedarf ist da, passende Bewerber leider nicht.

 

Generell kann man sagen, dass häusliche Gewalt in allen Gegenden unglaublich häufig vorkommt! Teilweise wird sie nur nicht so genannt oder bewertet. Wir haben hier zum Teil Betroffene sitzen, die häusliche Gewalt von sich weisen und dann von Übergriffen erzählen … Häusliche Gewalt hat unendlich viele Gesichter und muss eben nicht mit einem blauen Auge oder einem gebrochenen Arm ausgehen; dies ist meist nur die Spitze des Eisberges. Es wird gehauen, gestochen, gespuckt, getreten, geschubst, geschossen, geworfen, beleidigt, gedemütigt, eingesperrt und unterdrückt was das Zeug hält.

Beratungsstellen wie unsere gibt’s überall in Deutschland! Unter www.hilfetelefon.de finden Frauen Hilfe. Gewaltbetroffene Männer (und Frauen) können sich an das Justizministerium ihres Bundeslandes wenden und sich dort die ansässigen Interventionsstellen anzeigen lassen. All diese Beratungsstellen beraten kostenlos und vertraulich!

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