„Du musst Dich (einfach) trennen!“ ist vermutlich einer der häufigsten Ratschläge, den Betroffene von häuslicher Gewalt hören, wenn sie sich (unprofessionellen) Gesprächspartnern anvertrauen. Zugegeben, dies ist ein naheliegender Tipp, drückt gleichermaßen aber Hilflosigkeit und Unkenntnis aus, denn tatsächlich nimmt häusliche Gewalt gerade im Anschluss an eine Trennung meist erstmal zu.

Angst

Bei all den unterschiedlichen Gewaltarten hat Gewalt für die Täter meist ein konkretes Ziel: Macht und Kontrolle erlangen/behalten. Dies gibt ein Täter in der Regel nicht einfach so auf, d.h. bei einer drohenden Trennung kämpft er um die Aufrechterhaltung der mühsam hergestellten Gewaltbeziehung; im wahrsten Sinne des Wortes. Oft geschieht dies unter Einsatz noch größerer Gewalt, denn meist ist dies ein wirksames, erlerntes Verhaltensmuster. Wenn die Betroffenen aber so viel Mut und Kraft aufwenden sich zu befreien, ist ganz offensichtlich ein höheres Maß an Gewalt erforderlich um sie wieder in die gewünschte, unterwürfige Position zu drängen. Diese Logik ist paradox und verheerend, denn lediglich die Betroffenen sind ja oftmals an einer Veränderung/Verbesserung der Situation interessiert. Angst ist also oftmals ein (berechtigter) Grund, weshalb Betroffene in den Beziehungen verharren und nicht „einfach“ gehen.

Hoffnung

Etwas positiver besetzt ist der Aspekt der Hoffnung. Gerade nach den ersten Gewaltanwendungen entschuldigen sich die Täter in der Regel überschwänglich bei den Betroffenen, versprechen Änderung, Therapie, Neuanfang, Einmaligkeit des Geschehens usw. Vermutlich wird das eine oder andere dieser Versprechen aus Überzeugung getätigt, meist halten sie nur nicht dauerhaft an. Wird eine Beziehung nach einer Gewaltanwendung fortgeführt, kommt es in aller Regel früher oder später erneut zu Gewalt in der Beziehung. Je öfter dies geschieht, desto kürzer werden die zeitlichen Abstände zwischen den Gewaltanwendungen und desto gewalttätiger wird das Gewaltgeschehen. Die Hoffnung in Gewalt als Ausnahmezustand erfüllt sich in den meisten Fällen nicht.

Abhängigkeiten

Nicht selten sind Betroffene von häuslicher Gewalt in Abhängigkeitsbeziehungen zum Täter. Sei es nun materielle Abhängigkeit, emotionale oder auch juristische. Teilweise erpressen Täter die Betroffenen mit kompromittierendem Wissen (bspw. um begangene Straftaten) oder Materialien (Nacktfotos, Sexvideos etc.) oder auch mit dem drohenden Kontaktabbruch zum Kind. Häufig werden auch Menschen mit Behinderungen oder Pflegebedarf zu Betroffenen von häuslicher Gewalt, da sie auf die Hilfe und Unterstützung der Täter im Alltag angewiesen sind und ein Beziehungsabbruch die eigene Existenz bedrohen würde.

gemeinsamer Besitz

Hat man sich einmal eine gemeinsame Existenz aufgebaut (Eigenheim, Firma etc.), ist der Schritt in eine getrennte Zukunft nur sehr zögerlich getan. Oft wägen die Betroffenen in der Gewaltsituation Kosten und Nutzen sorgfältig gegeneinander ab und in Verbindung mit einer bestehenden Hoffnung auf spontane Verbesserung der Situation, fällt die Entscheidung gern gegen eine Trennung aus.

Scham

‚Was könnten die Nachbarn tuscheln?‘ ist insbesondere in kleineren Systemen immernoch ein wichtiger Faktor bei der Überlegung ‚Fortführung der Beziehung oder Trennung‘. Aus dieser Überlegung heraus wird oftmals auch nicht die Polizei zu Hilfe gerufen im Akutfall.

Kinder

Den Kindern nicht den Vater/die Mutter nehmen zu wollen ist ebenfalls ein oft benannter Grund, der Beziehung ’noch eine Chance geben‘ zu wollen. Dass Kinder in einer Gewaltbeziehung einer Kindeswohlgefährdung ausgesetzt sind, wird dabei allzu oft verdrängt oder geleugnet. „Die Kinder haben von all dem nichts mitbekommen, die lagen immer schon im Bett und haben geschlafen …“ Dies ist ein Trugschluss! Kinder erstarren oft regelrecht in ihren Zimmern und Betten und können sich nur ausmalen, was da in den Küchen, Wohn- und Schlafzimmern vor sich geht. Letztlich lernen sie oft, Gewalt als Bestandteil ihres Lebens und einer Partnerschaft zu akzeptieren und werden später nicht umsonst immer wieder selbst zu Tätern oder Betroffenen.

 

Die Liste der Gründe beim Täter zu verbleiben ist nicht abschließend zu verstehen. Am Ende hat jeder Mensch seine höchstpersönlichen Gründe sich zu trennen oder eben auch nicht. Allerdings mögen es wirklich nur die Wenigsten, wenn Außenstehende sich in die eigene Beziehung einmischen. Der Rat zur Trennung ist zwar naheliegend aber kaum hilfreich, da die Betroffenen sich in der Folge nicht nur selbst, sondern auch den Täter rechtfertigen. Immerhin impliziert der Rat ja irgendwie auch Mitschuld an der jeweiligen Situation, denn vermutlich wäre man ja gar nicht in der Lage, hätte man sich schon längst getrennt. Mit dem Rat zur Trennung spielt man dem Täter am Ende also unter Umständen sogar noch in die Hände und die Betroffenen motiviert man so kaum, sich erneut Außenstehenden zu öffnen.

Tatsächlich hilfreich wäre, Hilfe und Unterstützung anzubieten bspw. in Form von Begleitung zu einer Fachberatungsstelle oder zu einem Frauenhaus; die beraten auch ambulant und nicht ausschließlich nach erfolgter Aufnahme. Wem das nicht anonym genug ist oder der Weg aus anderen Gründen nicht gegangen werden kann, kann sich auch an das Hilfetelefon unter 08000116016 wenden.

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